Eine Sache, die mir am Herzen liegt

Wie ihr ja bereits wisst, heißt meine Entsendeorganisation ICJA Freiwilligenaustausch weltweit e.V. und dieser Name hat auch eine Bedeutung. Denn es reisen nicht nur sehr viele Freiwillige aus Deutschland mit dem ICJA in die Welt, sondern es gibt im Gegenzug auch eine Menge Menschen, die aus Ländern wie Bolivien, Indien, Ghana, Costa Rica, Finnland etc. nach Deutschland kommen und hier einen Freiwilligendienst leisten wollen. Während ich in Ecuador wie viele andere deutsche Freiwillige auf meinen Wunsch hin selbstverständlich in einer Gastfamilie leben werde, stellt diese Option für die Freiwilligen, die nach Deutschland kommen, noch ein großes Problem dar. Denn es gibt bisher anscheinend nur recht wenige Menschen, die für ein Jahr oder ein halbes die großartige Erfahrung machen wollen, eine junge internationale Freiwillige [1] aufzunehmen.

Mir persönlich liegt diese Problematik sehr am Herzen. Man muss sich vorstellen: Da fassen viele junge Menschen aus den verschiedensten Ländern den mutigen Entschluss – wohlgemerkt ohne die immense finanzielle Förderung, die uns durch weltwärts zuteil wird – nach Deutschland zu kommen, ein Jahr lang freiwillig zu arbeiten und sich sozial zu engagieren, die hiesigen Kulturen und Lebensweisen kennenzulernen, die deutsche Sprache zu praktizieren, neue Kontakte zu knüpfen, an Selbstständigkeit zu gewinnen und so weiter – also alles das, was auch ich mir von meinem Aufenthalt in Ecuador verspreche. Das einzige, was sie möglicherweise im Gegensatz zu mir an diesem Erlebnis in Deutschland hindert ist, dass sich kaum Menschen finden, die sich dazu bereit erklären sie aufzunehmen.

Deshalb mein Appell an euch: Lest diesen Text bitte noch bis zum Ende und lasst ihn euch durch den Kopf gehen, dann können wir vielleicht verhindern, dass es irgendwo eine internationale Freiwillige, einen „Deutschland! – Erkenntnisse und Erfahrungen einer Freiwilligen“-Blog und viele großartige Erwartungen weniger gibt.

Zuerst einmal ist es wichtig zu wissen, dass „Gastfamilie“ nicht nur die klassische Mutter-Vater-Kinder-Familie bedeutet, sondern Wohngemeinschaften verschiedenster Art wie z.B. Paare ohne Kinder, Alleinerziehende etc. aber auch alleinstehende Personen. Es sollte lediglich die Bereitschaft vorhanden sein, sich auf eine internationale kulturelle Erfahrung unter dem eigenen Dach einzulassen und die Freiwillige in das eigene Alltagsleben einzugliedern.

Ich zitiere nun im Folgenden von der entsprechenden Seite des ICJA, der auch hier wieder die passendsten Worte gefunden hat.

<< Der Gedanke, für ein ganzes Jahr einen Sohn oder eine Tochter „auf Zeit“ in der Familie zu haben, mag zunächst recht ungewohnt sein. Doch zeigte die Erfahrung vieler bisheriger Gastfamilien, dass die größte Schwierigkeit der Entschluss selbst ist, einen jungen Menschen aufzunehmen. Zu einem solchen Entschluss wollen wir Ihnen mit diesen Zeilen Mut machen.

Die Freiwilligen sind zwischen 18 und 28 Jahre alt und zumeist gerade mit der Schule fertig, StudentInnen oder auch Jugendliche, die in der Berufsausbildung stehen. Eine kleine Anzahl der Teilnehmenden ist auch älter. Ihre Interessen sind so breit gestreut wie die Länder, aus denen sie stammen. Sie kommen nach Deutschland, um hier einen Freiwilligendienst zu leisten. Sie wollen einen Einblick in soziale Betätigungsfelder erhalten. Und natürlich wollen sie vor allem dieses Land, seine Kultur und Menschen kennen lernen. Darum möchten sie so viel Kontakte wie möglich haben, sich auseinandersetzen, sich eine Meinung bilden.

Es stecken für junge Menschen und Erwachsene Chancen und Risiken in einem Austauschjahr, inklusive der Möglichkeit, sich selbst infrage zu stellen. Vieles, was zuvor selbstverständlich war, tief verwurzelt und fest gegründet, beginnt zu wackeln, wird fragwürdig. Spannungen und Gegensätze bleiben nicht aus. Sie sind aber kein notwendiges Übel, sondern ein lebenswichtiger Bestandteil eines wirklichen Austausches. Nur durch die Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Ungewohnten wird gegenseitiges Verstehen und Lernen möglich.

Dieser Prozess beginnt schon bei den anfänglichen Sprachschwierigkeiten. Sie machen oft Gespräche zunächst etwas mühselig. Aber nach einem Vierteljahr sind diese Sprachbarrieren in der Regel überwunden. Diese Zeit verlangt von beiden Seiten einige Geduld, weil das gegenseitige Kennenlernen, die Aufklärung von Missverständnissen im Umgang miteinander und die Abstimmung der unterschiedlichen Denkweisen Einfühlungsvermögen, Anteilnahme und Gelassenheit erfordern. Dabei besteht die Hauptschwierigkeit oft im mangelnden Ausdrucksvermögen der Jugendlichen in unserer Sprache.

Und die finanzielle Seite?

Ein Austauschjugendlicher ist nicht teurer als ein eigenes Kind; für Kleidung, Ausgaben bei Reisen, Klassenfahrten und manches andere sind die Gasteltern nicht verantwortlich. Die leiblichen Eltern und der ICJA sind grundsätzlich für alle größeren Ausgaben zuständig. Gegen Krankheit und Unfall sind die Jugendlichen in ausreichendem Maße versichert. Außerdem besteht eine Haftpflichtversicherung, um möglichst jedes Risiko zu vermeiden.

Wir fragen die Freiwilligendienststelle, ob sie dem Austauschjugendlichen ein Taschengeld zahlen können als Anerkennung für sein Engagement. Unsere finanziellen Möglichkeiten sind zwar sehr begrenzt, aber wenn es notwendig sein sollte, übernehmen wir auf Antrag diesen Betrag. Einzelheiten werden in einem persönlichen Gespräch vor Beginn des Austauschjahres geklärt.

Das Austauschjahr beginnt in der Regel jeweils Ende August und endet voraussichtlich Mitte bis Ende Juli des darauffolgenden Jahres. Schon feststehende Ferienpläne sollen davon nicht durchkreuzt werden: Im persönlichen Gespräch mit Ihnen werden solche Fragen und Probleme besprochen und gelöst werden.

Um das Austauschjahr und alles, was damit zusammenhängt, überschaubarer zu machen, können Gastfamilien eine ausführliche Informationsbroschüre von unserer Geschäftsstelle anfordern.

Wie unterstützen wir Sie bzw. den Austauschjugendlichen im Austauschjahr?

Wir selbst bieten während des Jahres Ihnen und den Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten des Lernens und Verstehens an. Jährlich führen wir zum Beispiel ein Seminar für Gastfamilien durch. Das Orientierungsseminar am Anfang des Austauschjahres, das Zwischenauswertungsseminar im Dezember, sowie die Auswertungskonferenz, die gleichzeitig als Vorbereitung der deutschen Austauschjugendlichen dient, sind Angebote an unsere internationalen Austauschteilnehmer/innen. Alle diese Möglichkeiten dienen in erster Linie dazu, ein kritisches Bewusstsein zu fördern, sich mit den drängenden Themen unserer heutigen Welt auseinander zu setzen, sich zu verändern, aktiv zu werden in seinem eigenen Umfeld, für eine Veränderung der Welt, hin zu mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit.

Die Mitarbeitenden des ICJA in den Regionalgruppen und in der Geschäftsstelle wissen um die Fragen und Probleme, die in dem spannungsreichen Prozess eines solchen Austauschjahres auftreten können. In erster Linie sind die regionalen Mitarbeitenden Ihre direkten AnsprechpartnerInnen. Eine persönliche Begleitung während des Austauschjahres gehört dazu. Natürlich versuchen wir bei unseren Vorschlägen zur Platzierung von Austauschjugendlichen in die Familien nach besten Kräften, die beiderseitigen Wünsche und Interessen aufeinander abzustimmen. Sollte Ihnen in Anbetracht Ihrer spezifischen Situation zum Beispiel ein Jahr zu lang erscheinen, so sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch dankbar, wenn Sie anbieten können, eine/n Jugendliche/n für drei oder sechs Monate aufzunehmen. >>

Ich bitte euch nun: Geht in euch und überlegt, ob ihr euch nicht vorstellen könntet, dieses „Abenteuer Gastfamilie“ auf euch zu nehmen. Bestimmt habt ihr noch Bedenken und Fragen – dann wendet euch entweder an mich oder einfach direkt an die wirklich sehr sympathischen und entgegenkommenden Mitarbeitenden des ICJA. Oder wisst ihr vielleicht Freunde, Bekannte, Verwandte oder Nachbarn, bei denen ihr euch vorstellen könntet, dass sie gerne eine solche Erfahrung machen würden? Sprecht sie darauf an und gebt diese Informationen weiter!

Weitere umfangreiche und nützliche Informationen sowie Dokumente und Kontaktadressen gibt es auf diesen Seiten des ICJA.

__________

1) Natürlich gibt es auch männliche internationale Freiwillige oder solche, die sich keinem dieser beiden Geschlechter zuordnen wollen. Um diese auch zu berücksichtigen müsste es also korrekterweise folgendes heißen: […] eine_n junge_n internationale_n Freiwillige_n […] Aber – keine Frage – das ist ziemlich unleserlich und unschön. Zum diesem sogenannten Gendern werde ich mich aber später noch in einem gesonderten Blogeintrag äußern!

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