Fiesta y Familia

Als nun also das Orientation Camp vorüber war, wurde ich von meinem jüngsten Gastbruder Christian (20) und seiner Mutter Miriam abgeholt und wir fuhren mit dem Taxi zu ihnen nach Hause. Meine Gastmutter wohnt mit dem zweitältesten Sohn Xavier (23) in einer relativ großen Wohnung. Christian wohnt im Haus seines ältesten Bruders Mauricio (26), das direkt in der Nachbarschaft liegt. Mein vorübergehendes Zimmer ist Teil der Wohnung, etwas sporadisch eingerichtet aber trotzdem gemütlich. Noch fehlt zwar der Türgriff und ich muss zwei Drähte miteinander verbinden um Licht zu haben, aber was soll’s! Mir macht das nichts aus und immerhin habe ich WLAN und warmes Wasser, was nicht bei allen Gastfamilien Standard ist.

Bald werde ich jedoch wohl in Christians Zimmer ziehen, der einen Monat nach meiner Ankunft nach Großbritannien gereist ist, um dort ein Jahr lang in einem Scoutlager nahe London einen Freiwilligendienst zu leisten. Ich bin also praktisch der obligatorische Austauschfreiwillige – allerdings kommt es mir keinesfalls so vor, als ob meine Gastfamilie nur eine Pflicht erfüllt. Denn ich fühle mich hier wirklich sehr wohl.

Die typische ecuadorianische Küche kenne ich schon vom Orientierungscamp: Reis, Reis, Reis. Vor allem für Vegetarier_innen gibt es da leider keine große Auswahl, da auch hier wirklich sehr viel Fleisch gegessen wird (und Reis, sagte ich das schon?). Reis mit Hühnchen könnte man quasi als Nationalgericht bezeichnen. Anfangs meinte Miriam noch „No come nada!“ (Er isst ja gar nichts!), als ich ihr sagte, dass ich weder Fleisch noch Fisch esse. Das hatte dann zur Folge, dass wir uns am ersten Abend eine Pizza bestellten 🙂 Inzwischen legt sie jedoch sehr viel Wert darauf, mir eine abwechslungsreiche vegetarische Küche zu bieten – und sie kocht wirklich gut!

Tja, in Deutschland würde ich einfach zum Aldi ums Eck laufen und hätte eine große Auswahl an diversen wirklich leckeren Tofualternativen. Hier sieht das leider etwas anders aus und anfangs war es ganz schön herausfordernd für mich, bei dem vielen Reis meine Lust auf Fleisch zu zügeln. Ich bleibe allerdings dabei: Für mein Essen sterben keine Tiere. Deshalb esse ich hier nun wieder ziemlich viel Ei und Milchprodukte, was ich Deutschland zumindest beim selber kochen meist vermieden habe. Aber mal sehen: Noch bin ich am Lernen, wie die verschiedenen Speisekomponenten auf Spanisch heißen und werde dann wohl in Zukunft auch öfter mal selber den Kochlöffel schwingen. Als ich meiner Familie das typische Essen in Deutschland zeigte, lief mir regelrecht das Wasser im Mund zusammen: Maultaschen, Salate, Kartoffelbrei, Linsen mit Spätzle, Rahmspinat, Döner, Rotkraut, Knödel etc. Hier kann man aber vieles leider nicht mal eben als Fertiggericht oder aus der Tiefkühltruhe kaufen. Das heißt, ich werde mir einige Kochkünste aneignen müssen – bloß habe ich z.B. keinen blassen Schimmer, wie man vernünftige Maultaschen herstellt. Naja, mal sehen…ich werde euch von meinen Experimenten berichten (ihr dürft mir auch gerne das ein oder andere Geheimrezept zukommen lassen ;))

Wie ich ja bereits berichtet habe, hatte ich anfangs enorme Probleme immer zwischen drei Sprachen hin und her zu wechseln. Dabei hat mir der Spanischkurs enorm geholfen – wir wurden dafür in zwei Gruppen eingeteilt: Die „Anfänger_innen“ und die „Fortgeschrittenen“. In letzterer haben wir schließlich sogar über europäische Finanzpolitik und Frauenrechte diskutiert. Wir können uns also halbwegs verständigen!

Während den zwei Wochen Kurs wohnten wir alle im Großraum Quito, bevor dann einige von uns in ihre endgültigen Gastfamilien oder Projekte gezogen sind. Das nutzen wir natürlich intensiv für unsere gemeinsame kulturelle Weiterbildung (vor allem in La Mariscal, dem hiesigen Partyviertel, passenderweise auch „Gringolandia“ [1] genannt). Unsere kleine Gruppe ist geradezu perfekt, zusammen etwas zu unternehmen und darüber hinaus verstehen wir uns auch alle hervorragend untereinander. Ich befinde mich also in guter Gesellschaft!

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1) Gringo bzw. gringa ist eine in Südamerika relativ verbreitete oft abschätzig gemeinte Bezeichnung für weiße Menschen. Der Begriff begegnet mir zwar nicht allzu oft, man wird hier aber als Weiße_r definitv anders behandelt. Dieser Thematik werde ich mit Sicherheit auch noch mal einen Artikel widmen.

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Eine Antwort zu “Fiesta y Familia

  1. Zusatz:
    Gring@ bezeichnet nur äußerst indirekt weiße. Eigentlich steht es für US-AmerikanerInnen und kommt angeblich aus Vietnam, wo den Yankee-Soldaten „Green go!“ zugerufen wurde. Für viele EcuadorianerInnen macht das auch tatsächlich einen Unterschied, ob du nun Gring@ oder EuropäerIn oder was auch immer bist.

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