Caleta y Carnaval

Meine Arbeit beginnt

Weil die Schulen in Ecuador noch bis 17. Februar Ferien hatten, habe ich ab 4. Februar vorübergehend in einem anderen Projekt gearbeitet: Die „Mi Caleta“ (Meine kleine Bucht) ist ein Haus im Herzen Quitos, direkt am Park gelegen, wo momentan 5-6 Kinder eine zeitweilige Zuflucht finden. Das heißt sie leben dort, während die Erzieher_innen in engem Kontakt zu den Familien stehen, um die Situation zu verbessern und den Kindern eine Rückkehr zu ermöglichen. Viele von Ihnen würden ansonsten auf den Straßen leben und arbeiten, manche sind noch auf der Suche nach ihren Eltern.

Trotzdem sind sie alle sehr lebensfroh und hören sogar meistens auf uns Freiwillige und die educadores. So gehört z.B. das morgendliche Saubermachen, das immer nach dem gemeinsamen Frühstück beginnt, selbstverständlich zum Tagesablauf dazu. Während ich und meine zukünftigen Mitfreiwilligen Marvin und Leonie (beide auch aus Deutschland) montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr im Projekt arbeiteten, haben Pepe und Matthias aus Österreich ein Zimmer in der Caleta und sind in den Tagesablauf der ebenfalls dort wohnenden Kinder miteingebunden. Das bedeutet wesentlich weniger Freizeit und praktisch keine Distanz zum Projekt, was mir persönlich sehr unangenehm wäre – allerdings verstehen sich die beiden wirklich gut mit den Kindern und sind auch super drauf.

Da wir nun aber zwei Wochen lang ebenso viele Betreuer_innen wie Kinder waren und diese durch die Ferien auch keinen Unterricht hatten, konnten wir eine sehr entspannte Zeit genießen. Gleich am zweiten Tag gab es eine große Feier zu Ehren des Heiligen Don Bosco, dem Gründer des Salesianerordens – wie schon mal versprochen, werde ich mich dazu später noch ausführlicher äußern 😉
Jedenfalls bedeuteten diese Feierlichkeiten harte körperliche Arbeit für mich, Marvin und die nationalen Freiwilligen, da wir auf einem Platz im historischen Zentrum eine große Bühne und mehrere Zelte aufbauen mussten. Für mich jedoch eine willkommene Abwechslung nach O-Camp und Spanischkurs. Nach dem Mittagessen gab es dann eine Messe und anschließend einen riesigen Umzug mit vielen Kindern der Projekte des Salesianerordens und ihrer Mitarbeiter_innen. Er führte zu besagtem Platz, wo sich die verschiedenen Projekte in den Zelten präsentierten und auf der Bühne Reden gehalten sowie verschiedene Tänze und Kunststücke aufgeführt wurden.

Ehrlich gesagt kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern, was auf der Bühne stattfand, da wir uns alle weiter hinten bei den Zelten aufhielten und irgendjemand irgendwann eine der Spraydosen mit bunter Sprühseife (genannt carioca) in den Händen hielt, die zur Karnevalszeit überall auf der Straße verkauft werden. Nach und nach wurden wir also alle in eine wilde Seifenschlacht verwickelt – ob wir wollten oder nicht. Eine großartige Gelegenheit, sich bei seinen Mitarbeiter_innen, Mitfreiwilligen und Vorgesetzten beliebt zu machen 😉

Karneval

Wie gesagt hatten wir eine schöne und entspannte Zeit in der Caleta – wir haben viel gespielt, Filme geschaut, Ausflüge in den Park unternommen und am Freitag vor den großen Karnevalsfestivitäten eine riesige und rücksichtslose Wasserschlacht veranstaltet – das war schon ein ganz schöner Höhepunkt.

Carnaval!

Es fing an mit ein paar Bechern Wasser…als dann die ersten Eimer ausgepackt wurden, flüchteten wir Freiwilligen uns ins Zimmer von Pepe und Mathias im ersten Stock – froh, noch nicht völlig durchnässt zu sein wähnten wir uns zunächst in Sicherheit. Doch Jairo (ganz links auf dem Foto), einer der educadores, schnappte sich einen Beutel Mehl aus der Küche, enterte den Raum und ließ keine Gnade walten, während auf dem Gang bereits Kinder mit Eimern voller Wasser auf die Flüchtenden warteten. Für uns war klar: Das bedeutete Krieg! Da das Haus nun schon halb unter Wasser stand wurde es zur waffenfreien Zone erklärt und John, Marvin und Ich zogen uns mit Eimern und Bechern bewaffnet auf den Hof zurück. Nach einigen Angriffsversuchen hatten die völlig durchnässten Kinder jedoch nichts mehr zu verlieren und auch wir konnten uns nicht mehr vor unserem Schicksal retten.

Naß, verfroren (es war ein windiger, „kalter“ Tag mit etwa 10°C), aber glücklich gingen wir also nach Hause und bereiteten uns abends in Quito schon mal auf ein langes Karnevalswochenende in Ambato vor.

Ambato

Denn an Karneval strömt einfach alles und jede_r nach Ambato zu den Fiestas de Frutas y Flores mit großen Umzügen, Unmengen von Leuten und jeder Menge Party. So auch unsere Gruppe von Freiwilligen, die sich trotz aller Warnungen vor dem Verkehrschaos am Samstag auf den Weg zum Terminal Terrestre Quitumbe, dem großen südlichen Busbahnhof Quitos aufmachte. Letztendlich konnten wir ohne größere Probleme den Bus nach Ambato nehmen, was uns 2,50$ und zwei Stunden Fahrt kostete. Von dort zum Hostel fuhren wir dann auf der Ladefläche einer der typischen camionetas (Pickups) mit – eine klasse Sache und hier durchaus üblich.

John, Jasmin, Sarah und Maria

John, Jasmin, Sarah und Maria auf der camioneta

Zum Glück hatte uns Pasch, den ich hier in Ecuador endlich wieder getroffen habe, bereits in der Woche zuvor Zimmer reserviert. Dennoch wurden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass wir uns aufgrund des Platzmangels jeweils zu zweit ein Bett teilen mussten – naja, kein Ding. Pasch hat bereits im August seinen Frewilligendienst mit dem ICJA begonnen und lebt daher schon eine Weile in Ambato. Also konnte er uns gleich eine kleine Stadtrundführung geben, bevor die anderen Freiwilligen mit einigen Ecuadorianer_innen im Schlepptau zu uns ins Hostel stießen. Wir waren wohl mehr als 20 Leute in unserem Hotelzimmer, wo wir einige Zeit verbrachten, bis wir uns dann ins Nachtleben Ambatos stürzten. Unterwegs musste man sich vor allem als Gring@ vor den vielen cariocas in Acht nehmen. Als wir dann jedoch selbst welche in die Hände bekamen, blieb kein_e Angreifer_in verschont 🙂

Nach einer langen Nacht im Club versuchten wir am nächsten Morgen dennoch einen Blick auf den großen Umzug zu erhaschen – Pläne, die Nacht einfach durchzumachen, hatten wir schon verworfen und so war es nahezu unmöglich, auch nur einen Blick auf die Parade zu erhaschen. Alle Tribünen, Autos und Mülltonnen waren schon dicht besetzt. Dennoch hatten wir einen tollen Tag, mit einem unfreiwilligen Ausflug durch einen wunderschönen naturbelassenen Park zu einem kleinen Festival, das allerdings doch an einem völlig anderen Ort statt fand (danke an die Familie, die uns alle in ihre camioneta gequetscht hat) und sich im Nachhinein als seeeehr religiös herausstellte. Als einige von uns zum gemeinsamen Beten genötigt wurden, ergriffen wir schnell die Flucht.

Da das Karnevalswochenende in ganz Ecuador bis Dienstag geht, konnten wir am Abend wieder viel Gesellschaft und nette Gespräche genießen. Die Nacht endete auf einem Open Air Konzert auf den Straßen des morgendlichen Umzugs, wo „live“ am laufenden Band Reggaeton gespielt wurde – die Musik, die hier überall, im Radio, in den Bussen und in den Discos gespielt wird. Hier ein Beispiel:

Anfangs war ich noch ganz angetan davon, aber wohl auch nur, weil ich vermutlich die US-amerikanischen/europäischen Charts aus Deutschland satt hatte und Reggaeton eine willkommene Abwechslung bedeutet. Auf Dauer aber hängt mir auch hier so langsam die populäre Musik aus dem Hals raus – zumindest im nüchternen Zustand.
Mal abgesehen vom eintönigen Rhythmus und den künstlichen Stimmen finde ich den offensiven Sexismus im Reggaeton ziemlich unerträglich. Deshalb war ich am Sonntagabend auch schon relativ früh wieder im Bett. Allerdings möchte mich jetzt auch so bald wie möglich mit der hiesigen Metalszene vertraut machen (was hier zum Glück beliebter zu sein scheint wie in Deutschland) und mich mit Paul auf die Suche nach einem Elektroclub machen.

Am nächsten Morgen gab es jedenfalls ein gemeinsames Frühstück und wir durften leider auch schon die ersten harten Erfahrungen mit dem machen, wovor uns hier überall gewarnt wird: Ein paar von uns hatten ihre Rucksäcke zusammen neben die Tische gestellt und ein findiger Dieb hatte sich Tilmans neuen Rucksack ausgeguckt und war – wie das Überwachungsvideo offenbarte – schnurstracks damit aus dem Restaurant gelaufen. Kamera, Kleidung, Tagebuch und Rucksack waren also weg, als wir uns auf den Weg zurück nach Hause machten. Für Tilman fand das Wochenende damit keinen guten Abschluss, aber wenigstens sind wir nun endgültig vorgewarnt, was die hiesige Kriminalität angeht.

Nun soll aber auch mal wieder Schluss sein – die ersten Erfahrungen aus meinem endgültigen Projekt erfahrt ihr dann im nächsten Artikel 🙂

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s