Eindrücke

Quito, Ecuador – Chiriyacu/El Recreo – 14. Mai 2013

Endlich! Morgens bekomme ich die Nachricht: Ich kann meine Kamera abholen, die eine unfreiwillige Odysee hinter sich hat. Also spare ich mir das Mittagessen im Projekt (heute: Schweinehaut, demnach wieder nur Reis mit Salat für mich) und ab geht’s mit der Ecovía in den Süden Quitos. Die Zielstation ist nicht auf meiner Karte eingezeichnet, ich verlasse mich also einfach auf meinen Instinkt. Nach einigen Minuten Fahrt kommt der wie immer zur Rush Hour rammelvolle Bus an einer größeren Station an, deren Namen ich auf den ausgebleichten Schildern nicht entziffern kann. Auf Nachfrage meint einer der Passagiere, das müsste wohl El Recreo sein – da muss ich hin, also schnell rausgedrängelt! Ist es aber nicht, wie sich herausstellt. Stattdessen bin ich in vor einer riesigen zugemüllten Markthalle voller Obst, Gemüse, Tieren und Menschen angekommen (Mercado Chiriyacu). Laut Fahrplan ist die nächste Station die gesuchte, also laufe ich der Ecovía hinterher, die gerade hinter einer Kurve verschwindet. Der Bürgersteig stinkt nach Urin. Auf verlassenen Gleisen versucht ein alter Mann in der Mittagssonne den Kopf eines Rindes zu zersägen. Ich kann mich kaum von dem Bild losreißen, das irgendwie an klassische Western und Werbeplakate von Brot für die Welt erinnert. Welch glorreiche Zeiten, als hier noch die Züge fuhren, mit Waggons voller Bananen und Vieh. Quatsch. Gut, dass die Ära der Militärdiktaturen und korrupten Regierungen vorbei ist. Auch gut, dass die Bahn bald wieder fahren soll. Jedoch fühle ich mich hier immer unwohler – liegt es vielleicht an dem riesigen roten 80-Liter-Trekkingrucksack auf meinem Rücken, den ich später einer Freundin zurückgeben muss? Der lässt mich jedenfalls wie der perfekte verirrte Touri aussehen. Check: Viel Bargeld hab‘ ich nicht dabei, die Kreditkarte ist sicher in der Innentasche meiner Hose verstaut. Trotzdem, das scheint eine der Gegenden zu sein, vor der einem immer gewarnt wird. Arm und heruntergekommen. Und um den Rucksack wäre es schade.

Ich biege ums Eck, hinter dem die Ecovía zuvor verschwunden ist. Vor mir liegt ein riesiger überdachter Busbahnhof (El Recreo) und direkt dahinter ein noch viel riesigeres herausgeputztes Einkaufszentrum mit Elektronikgeschäften, bekannten Fast-Food-Restaurants und teuren Modeläden. Da drin kann ich meine Kamera abholen und würde vom BigMac über Smartphone und maßgeschneiderten Anzug bis zum Auto auch alles andere käuflich erwerben können. Krass, wie manche Eindrücke manchmal täuschen. Krass, wie nah Brot für die Welt Plakatmotive doch manchmal bei glitzernden Konsumwelten liegen.

Das muss in meinen Blog, denke ich mir. Müssen ja nicht immer Fotos sein.

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Mehr zur problematischen Thematik der Spendenplakate und ein sehenswerter Film: WHITE CHARITY

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