Grenzerfahrung Mi Caleta

Nachdem ich nun mit den Salesianern Don Boscos abgeschlossen habe und in ein anderes Projekt gewechselt bin, will ich euch im folgenden Bericht von unserem zweiwöchigen Aufenthalt in der Caleta und meinen generellen Erfahrungen dort berichten.

Wladimir, der Koordinator der Salesianer-Projekte, hatte uns VASE-Freiwillige vor einiger Zeit zu einem Treffen in der Caleta eingeladen. Das heißt Pasch, der in Ambato arbeitet; Ich; meine Mitfreiwilligen aus der UESPA Marvin und Leonie, die bereits im August gekommen waren; John aus den USA (mit uns im Januar angereist) sowie Robert, der zwar auch im August gekommen ist und bisher mit Pasch in Ambato gearbeitet hat, nun aber seinen Freiwilligendienst verlängert hat und weiterhin mit den Salesianern zusammenarbeiten wird. Mit dabei waren auch Mathias und Pepe aus Österreich, die zu diesem Zeitpunkt bereits fast ein Jahr lang in der Caleta wohnten und arbeiteten. Da ihr Freiwilligendienst als Ersatz für die Wehrpflicht gedient hat, waren sie verpflichtet, sich rund um die Uhr mit nur einem freien Tag pro Woche um die Kinder zu kümmern – von Wladimir wurden sie außerdem sehr herablassend behandelt. Allerdings endete ihr Dienst Ende Juni und so suchte er natürlich andere Freiwillige, die deren Aufgabe übernehmen könnten. Das Treffen begann bereits mit einer sehr gereizten Atmosphäre, als unser Chef äußerst konfrontativ mit Marvin und Leonie ihren Urlaub ab Ende Juni durchdiskutierte und dabei z.B. kaum glauben wollte, dass die Wochenenden nicht als Urlaubstage zählen. Als er dann sein Anliegen eröffnete und uns bat, einen von vier Terminen für die Arbeit in der Caleta auszusuchen, waren wir dementsprechend kaum motiviert, uns ihm gegenüber kooperativ zu zeigen. Vor allem, weil die Arbeit in der Caleta eben auch so viel abverlangt und uns keine Minute Freizeit zugestanden wurde – die fünf versprochenen Extra-Urlaubstage ändern daran auch nicht viel. Für ihn war das ein willkommener Anlass, uns seine wirkliche Meinung kundzutun: Letztendlich seien wir doch nur zum Vergnügen in Ecuador, dächten nur an uns selbst und daran, unseren Freiwilligendienst möglichst schnell zu Ende zu bringen, um unseren Urlaub genießen zu können. Wir seien nicht ernsthaft daran interessiert, etwas Gutes zu tun und den Kindern zu helfen. Diese Anschuldigungen endeten mit der Drohung, die Zusammenarbeit mit VASE seitens der Salesianer aufzukündigen, falls wir nicht bereit wären uns auf seine Konditionen einzulassen.

Dementsprechend vor den Kopf gestoßen, hatte ich eigentlich bereits jeden guten Willen gegenüber Wladimir verloren. Als Pasch dann aber vorschlug, ob wir denn nicht vom 28.06 bis 15.07. – direkt nach Mathias und Pepe – zusammen in der Caleta arbeiten wollten, ließ ich mich überreden. Die fünf Extra-Urlaubstage waren doch verlockend und die harten Arbeitsbedingungen sowie die ermüdende Umgang mit den Kindern konnte ich als besondere Herausforderungen betrachten, die es als langjährige Freunde gemeinsam zu meistern galt.

Nun rückte die Zeit aber immer schneller voran, unsere fünf Extra-Urlaubstage hatten wir bereits für eine Verlängerung unserer großartigen Peru-Reise auf zwei Wochen verwendet. Das flaue Gefühl im Magen wurde stärker und ich schloss bereits innerlich damit ab, mehr als zwei Wochen mit einem Haufen hochgradig anstrengender Kinder rund um die Uhr auf engem Raum zusammenzuleben und praktisch keinen Kontakt mehr zur Außenwelt zu haben. Die Jungs aus der Caleta, von denen ich bereits einige aus der UESPA kannte, freuten sich jedoch riesig und Mathias meinte, uns würden nur sechs Kinder und dank der Ferien auch nicht viel Stress erwarten. Dann stand der 28. Juni (ein Freitag) vor der Tür.

Entspannter Anfang

La locura empieza. - Der Wahnsinn beginnt.

La locura empieza. – Der Wahnsinn beginnt.

Ich packte fast meine gesamten Habseligkeiten in meinen großen Reisekoffer, samt allen überlebensnotwendigen Geräten (d.h. mein Laptop). Man erwartete uns zum Abendessen – inzwischen waren 12 Kinder in der Caleta, die sich alle weigerten, unseren Erwartungen zu entsprechen. Alle erledigten ohne große Probleme ihre Aufgaben, wir wurden mit ihnen alleine gelassen und sie begannen bereits um halb neun ohne unser Zutun mit einem Abendgebet und gingen ins Bett. Insofern konnten wir zunächst auch getrost die Anweisung unterschlagen, nach dem immer einer von uns im Schlafraum übernachten sollte. Also begaben wir uns in unser Zimmer, wo ich im äußerst gemütlichen Bett sofort einschlief.

Trügerische Ruhe und die erste Herausforderung

Am Samstagmorgen ignorierte ich – wie so oft – meinen Wecker und drehte mich nochmal auf die Seite. So standen wir eben erst gegen sieben Uhr auf. Kein Ding, denn die Kinder hatten sich alle schon geduscht und waren bereit zum Frühstück. Einmal mehr waren wir erstaunt über die herrschende Disziplin. Es stellte sich heraus, dass Joel, mit 15 Jahren der Älteste von allen, wohl eine Art Aufseherrolle übernommen hatte und die Übrigen, die nicht rechtzeitig – d.h. um sechs – aufgestanden waren, zum Duschen mit kaltem Wasser gezwungen hatte.
Wir waren etwas erstaunt, dass eines der Kinder sich eine solche Autorität angeeignet hatte. Uns nahm das natürlich in einem gewissen Maße Arbeit ab, andererseits fand ich es auch unangenehm, wenn Joel willkürlich die in der Caleta zwar üblichen, aber oftmals völlig unangemessenen Sanktionen durchsetzte – und zwar ohne es mit uns abzusprechen. Nach kurzer Zeit waren wir aber auch immer sicherer im Umgang mit den Kindern, nachdem diese ihre Grenzen ausgetestet und sich in den ersten Tagen einige unübliche Freiheiten herausgenommen hatten. Dazu dann gleich mehr.

Einschub – Die Pädagogik in der Caleta

Mit der strikten Pädagogik in der Caleta kam ich generell nicht wirklich zurecht. So waren wir z.B. angewiesen, allen Kindern die gleiche Menge Essen zu geben und nicht auf ihre Vorlieben zu achten. Welchen Sinn macht das? Manche Kinder haben mehr Hunger, manche weniger – der eine mag die Suppe nicht, der andere hätte gerne mehr.
Auch sollen die Kinder immer zusammen in einer Gruppe der gleichen Beschäftigung nachgehen. Man kann allerdings kaum erwarten, dass 15 Kinder gleichzeitig Lust auf die selbe Aktivität haben. Insofern nahm ich mir einfach heraus, mit den Kindern so umzugehen, wie ich es für richtig hielt – das heißt, dass ich ihnen ihre spontane Kreativität zugestand, wenn sich sich selber beschäftigen oder friedlich spielen wollen. Was ist falsch daran, wenn sie sich in ihrem Schlafzimmer zusammen in ein Buch vertiefen oder sich mit einem Satz Karten ein neues Spiel ausdenken? Damit kam ich ganz gut klar und die Kinder wussten es ebenfalls zu schätzen.

Im Spiel vertieft.

Im Spiel vertieft.

Leider ist aber von den ErzieherInnen vorgesehen, dass wir ein strammes Tagesprogramm ausarbeiten und rund um die Uhr Aktivitäten mit den Kindern gestalten. Und dass es dann unter Zwang schwierig wird, die Kinder zum Lesen zu bringen oder dazu, sich für längere Zeit auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren, ist absehbar.

Jedenfalls wurden wir dann nach dem Frühstück gemäß Tagesplan in den Park gefahren, wo sich die Kinder auf Inlineskates austoben konnten. Eine perfekte Gelegenheit, um sich etwas näher kennenzulernen. Schnell zeigte sich erneut, dass die Kinder sich auch gut alleine beschäftigen konnten und wir genossen einfach nur die tolle Atmosphäre im sonnigen Park. Ich konnte mich sogar eine Viertelstunde mit einem Kokossaft ins Gras legen und der samstäglichen Konferenz des Präsidenten im Radio lauschen. Daraufhin bin ich selbst noch zwei Runden gejoggt und nach insgesamt etwa vier Stunden wurden wir dann abgeholt und zum Mittagessen zurück in die Caleta gebracht.

Pasch (man munkelt, damals tatsächlich noch vegan) mit Hähnchenschenkel.

Pasch (man munkelt, damals tatsächlich noch vegan) mit Hähnchenschenkel.

Der Einfachheit halber ließen wir unsere vegane bzw. vegetarische Lebensweise während der zwei Wochen in der Caleta etwas schleifen und griffen ab und an auch beim Fleisch zu. Es wäre zu umständlich gewesen, jeden Tag etwas zusätzlich zu kochen und außerdem wurde das Essen unter der Woche in der UESPA zubereitet, wo wir mittags aßen und dann genug für das Abendessen und das darauf folgende Frühstück mitnahmen. Dementsprechend gab es morgens, mittags und abends Reis – für konsequente VegetarierInnen also ziemlich eintönig.

Am Samstagnachmittag standen dann auch schon zwei neue Kinder im Hof, mit denen wir sogleich bis Montag alleine gelassen wurden. Das führte dazu, dass im Zimmer der „Neuen“ (die Hälfte, die noch nicht mehrere Monate da ist und nicht zur Schule geht) so richtig die Post abging und wir gefordert waren, die Jungs irgendwie davon abzuhalten, nackt und masturbierend auf den Betten herumzuspringen. Recht überfordert nach den guten Erfahrungen am Vortag konnten wir die Situation zum Glück doch noch irgendwie unter Kontrolle bekommen.
Im Endeffekt schlief ich dann mit dem Größten der Störenfriede alleine im Speisesaal, während Pasch noch eine Zeit lang oben bei den Anderen blieb, nachdem sich die Situation beruhigt hatte.

Weiter geht’s

Am Sonntag waren wir den ganzen Tag mit den Kids alleine. Also blieb ich mit einem Teil in der Caleta, um mir ein wenig Zeit für mich zu gönnen, während die Kinder einen Film schauten. Pasch ging derweil mit den Anderen in den Park nebenan. Als er fürs Mittagessen zurückkommen wollte, war einer der Neuen verschwunden. Jedoch wurde uns bei der abendlichen Messe gesagt, dass es durchaus vorkäme, dass die Kinder bereits nach einem Tag wieder abhauen und wir uns keine Sorgen machen sollten.
Allerdings wurden diejenigen, die am Abend zuvor Probleme gemacht hatten, von Padre Robert – dem religiösen Oberhaupt der Salesianer in Quito – zur Rede gestellt. Nach einer Moralpredigt anhand katholischer Prinzipien (beispielsweise „Was meint ihr, was Gott sagen würde, wenn ihr euch ihm Intimbereich anfasst?“) und der Beichte schien die Sache dann erledigt zu sein. Und tatsächlich, dermaßen eingeschüchtert waren die Jungs am Abend so ruhig wie niemals wieder.

Wieder einer weniger

Der kleine Patricio.

Am Montag waren wir schon um kurz vor sechs als erste wach – der Morgen verlief problemlos und um Viertel vor acht bin ich mit den Schulkindern zur UESPA gelaufen. Patricio, der Kleinste von allen, wurde mir später hinterher geschickt, da er noch seine Mütze waschen sollte. Das Dumme war, dass ihn seitdem niemand mehr gesehen hatte, was mich schon ziemlich beunruhigte. Patricio war bereits länger in der Caleta als ich in Ecuador – und das, obwohl die Kinder normalerweise maximal drei Monate bleiben. Ich hoffte jedenfalls, dass der Kleine bald auftauchen würde und ihm nichts zugestoßen war – er ist so ziemlich das verrückteste und süßeste Kind, das ich bisher kennengelernt habe. Mit seiner charmanten Unbehilflichkeit und einem sehr individuellen Charakter wusste er alle zu begeistern.
In der UESPA angekommen, wollte ich eigentlich noch etwas länger bleiben und wie üblich im Unterricht aushelfen, Wladimir war aber wohl nicht so begeistert und meinte zu Pasch, ich sollte sofort wieder zurückkommen. Also begab ich mich auf den Rückweg und schaute noch kurz im Supermarkt vorbei, um uns mit ein bisschen Proviant zu versorgen. Zurück in der Caleta wurde ich mit dem Refuerzo Escolar beauftragt, einer Art Nachhilfe für die Kinder, die nicht zur Schule gehen und für Auswärtige, die Hausaufgaben zu erledigen haben – praktisch so, wie ich es schon aus La Marin kenne. Die Stimmung wurde leider bald sehr aggressiv und meine Hauptaufgabe wurde schnell, die Jungs davon abzuhalten sich zu prügeln anstatt ihnen die Grundrechenarten beizubringen. Leider war ein ruhiges Arbeiten mit den Kindern überhaupt selten möglich, da wir unsere Aufmerksamkeit meist auch mehreren gleichzeitig widmen mussten.

Routine kehrt ein

Mit guter Laune an die Arbeit.

Mit guter Laune an die Arbeit.

Im Lauf der Woche machten wir unsere Grenzen klar und unsere Schützlinge lernten, uns zu respektieren. Trotzdem wurden wir natürlich immer wieder in Diskussionen verwickelt und wir versuchten, den Kindern dabei möglichst entgegen zu kommen und ihnen ihren Freiraum zu lassen. Wichtig war dabei hauptsächlich, konsequent zu bleiben. Wenn z.B. zwei Jungs mit dem Fegen des Hofes beauftragt waren, aber trotz mehrfacher Erinnerung der Aufgabe nicht nach kamen, gab es für sie eben kein Brötchen als Imbiss. Beim nächsten Mal wussten sie dann, dass wir es ernst meinten.

Nun ist das ja noch recht einfach zu handhaben – beim Schlafen gehen war die Situation noch mal eine ganz andere. Während Pasch und ich tagsüber die Kinder gerne noch ein paar Mal an ihre Pflichten erinnerten, so waren wir abends einfach fertig und wollten endlich ein wenig Privatsphäre, Ruhe und vor allem Schlaf. Dementsprechend gewöhnten wir uns an, kurzen Prozess zu machen – so wie die ErzieherInnen normalerweise auch. „Gute Nacht, bis morgen! Wer jetzt noch ein Wort sagt, schläft heute Nacht draußen.“ Da die Kinder es kaum lassen konnten, doch noch weiter zu diskutieren, mit Schuhen zu werfen, andere zu beschuldigen usw., schickten wir nicht selten einen der Jungs in Unterwäsche auf den Hof – wohl wissend, dass derjenige sich nach kurzer Zeit wieder zurück ins warme Bett zurück schleichen würde. Wie gesagt hatte ich anfangs meine Probleme mit solchen Methoden. Wenn wir aber den ganzen Tag lang schon Stress hatten und dann abends um neun noch irgendwie alleine versuchen mussten, die Kinder ins Bett zu argumentieren, war die Geduld am Ende. Und letztendlich werden andere Herangehensweisen meist ohnehin nur von den Kindern ausgenutzt.
Unserer guten Beziehung zu den Jungs tat das keinen Abbruch – schließlich waren wir doch meist immer noch viel nachsichtiger als die Angestellten. Diese hatten sich im Laufe ihrer Arbeit nämlich einen ganz anderen Grad an Autorität erworben und konnten sich daher viel leichter durchsetzen. Ihr Umgang mit den Kindern war zwar nicht unbedingt strenger als unserer – im Ernstfall wussten die Jungs aber, dass sie mit Konsequenzen zu rechnen hatten, wenn sie den Anweisungen nicht Folge leisteten.

Wladimir selbst hatte meines Erachtens – als Koordinator aller Salesianerprojekte im Norden Ecuadors – wenig mit dem Alltag in der Caleta zu tun, sondern befand sich meistens in seinem Büro oder auf Besprechungen mit den Zuständigen der anderen Projekte. Während unserer Zeit waren im Haus die Erzieherin Lucy, die Psychologin Gina und als Hauptverantwortlicher Miguel zuständig, der auch an den Wochenenden da war und mit uns Ausflüge unternahm. Alle machten ihre Arbeit sehr professionell, ohne allzu strikt zu wirken – ein nettes Team!

Jairo.

Außerdem überhaupt nicht mehr wegzudenken aus der Caleta ist Jairo, der als Jugendlicher selbst dort gelebt hatte und in die UESPA zur Schule gegangen war. Nun ist er ebenfalls als Erzieher angestellt und holt nebenher seinen Abschluss nach. Durch diesen Lebenslauf ist er natürlich bestens mit den Verhältnissen vertraut und genießt daher mit gerade mal 22 Jahren unter den Erzieher_innen wohl das meiste Vertrauen und den meisten Respekt der Kinder. Seine entspannte und lustige Art machten ihn außerdem zu einem äußerst angenehmen Arbeitskollegen – obwohl ihn man aufgrund seiner dreisten Späße manchmal auch einfach für ein sehr großes Kind der Caleta halten konnte 🙂

Blackout

Wie bereits erwähnt, war der Alltag trotzdem nicht einfach und nicht selten waren wir an unserer körperlichen und geistigen Leistungsgrenze angelangt – zum Glück wechselten wir uns dabei meistens ab, sodass jeweils einer von uns beiden die nötige Geduld und Motivation beibehalten konnte. Hier einfach noch mal ein großes Dankeschön an Pasch!

Als wir am Donnerstag die Kinder gemeinsam mit Jairo zu einem Fußballturnier herausforderten, war erstmals defintiv mein persönliches Limit erreicht. Ich bin ja nun nicht gerade die sportlichste Person und habe vor allem nicht viel mit Fußball am Hut – irgendwie landete ich aber doch im Tor und sah mich herausgefordert, jede Menge harter Bälle abzuwehren. Den letzten davon dann eben leider nicht mehr mit Händen oder Füßen: Er landete direkt im Schrittbereich. Entsprechend angeschlagen zog ich mich fluchend vom Spielfeld zurück und wähnte mich bereits in Sicherheit, als der nächste Ball mich umso treffsicherer (und härter!) mitten ins Gesicht traf.

Nun ja…danach ließ ich mich erst mal eine Weile nicht mehr blicken. Meine Brille sah zwar irreparabel verbogen aus, ein fachkundiger Optiker reparierte sie mir allerdings kostenfrei – übrigens zum zweiten Mal, nachdem sie schon einmal den Moshpit-Boden eines Metalkonzertes überlebt hatte.

Daniel.

Daniel.

Mit dem Beginn der Schulferien verließen am zweiten Wochenende einige Kinder die Caleta, darunter auch Joel und Daniel, den ich schon bei der Arbeit in der UESPA sehr geschätzt hatte und irgendwie ins Herz geschlossen habe. Dank seiner Neugier und seines Lernwillens war es nie wirklich nötig, ihn zum Erledigen seiner Schulaufgaben motivieren und auch die häuslichen Pflichten in der Caleta erledigte er oft sogar unaufgefordert. Natürlich macht ihn das zum Liebling eines gestressten Freiwilligen, der sich ansonsten mit lauter störrischen Bengeln herumschlagen muss 😉
Allerdings fehlte es ihm nicht an einer gewissen dreisten, aber gut gemeinten Frechheit, die ihn umso sympathischer machte. Mit viel Eigeninitiative und Teamgeist begeisterte er meist die ganze Gruppe für eine neue Beschäftigung. Andererseits brachte ihn ein großer Sinn für Gerechtigkeit (vor allem sich selbst gegenüber) ab und zu so auf, dass er eine Zeit lang mit niemandem mehr etwas zu tun haben wollte oder aber in heftige Prügeleien mit den anderen Jungs geriet. Nichtsdestotrotz ein liebenswerter Kerl!

Miguel.

Miguel.

An dieser Stelle stelle ich euch jetzt einfach noch ein paar andere Kinder vor, z.B. Michael – genannt Miguel. Wie der Name schon andeutet, war der Kleine wohl Spross eines deutschen Auswanderers und konnte sogar ein paar Worte Deutsch sprechen. Deswegen hielt er sich natürlich für besonders wichtig und sein nerviges, quengelndes Betteln um Aufmerksamkeit hielt die ganze Caleta in Atem. Eigentlich hätte sich eine Person ständig allein um ihn kümmern müssen. Nicht selten brachte er alle anderen Jungs gegen sich auf und mal ganz ehrlich, irgendwie war es uns manchmal ganz recht, wenn er von den Anderen einen Dämpfer bekam. Durch seine Art war aber natürlich auch er ein besonderes Kind und nichtsdestotrotz liebenswert. Allerdings waren wir alle sehr erleichtert, als er – bestmögliches Szenario – von seiner Mutter abgeholt wurde. Er war anscheinend von Zuhause weggelaufen und führte auch schon mal die ErzieherInnen in die Irre, als sie ihn zurückbringen wollten.

Antony.

Antony.

Oder Antony – nach Joel mit 14 Jahren der Zweitälteste in der Gruppe. Als Inbegriff der Verrücktheit kam er aber wohl kaum als Rollennachfolger des „Aufsehers“ Joel in Frage, nachdem dieser gegangen war.

Der kleine Patricio tauchte übrigens im Laufe der Woche wieder auf und fügte sich nahtlos ins Inventar der Caleta ein. So richtig wusste niemand, was passiert war – doch alle waren froh, ihn wiederzuhaben. Außerdem standen wieder neue Kinder vor der Tür und einige kamen zum Übergang aus anderen Salesianer-Projekten, um danach – vorübergehend oder für immer – in ihre Familien zurückzukehren. Das war dann auch der Zeitpunkt, wo wirklich alle 16 Betten in den Schlafsälen besetzt waren.

Dank einer Virusinfektion ging es mir gegen Ende der Woche so richtig dreckig, ständiger Husten und heftige Rückenschmerzen, die sich nur mit Schmerzmitteln in den Griff bekommen ließen. Also verbrachte ich recht viel Zeit im Bett und versuchte den Kontakt zu den Kindern weitestgehend zu vermeiden. An dieser Stelle zum wiederholten Mal ein großes Dankeschön an Pasch 🙂
Trotzdem ließ ich es mir dann nicht nehmen, am Samstag mit Miguel und den Jungs in Schwimmbad zu gehen. Dort genoss ich die Sauna und versuchte den Kleinen mit mäßigem Erfolg Schwimmen beizubringen – alles in allem ein toller Tag!

Fußball

Die neue Woche stand ganz im Zeichen eines großen Fußballturniers aller Salesianer-Projekte in Quito. Die zwei Teams der Caleta hatten aber anscheinend wieder mal mehr Lust auf Raufereien statt auf Teamgeist und verloren daher haushoch.

Teambesprechung.

Teambesprechung.

Wir dienten unterdessen beim gemeinsamen Auflaufen zur Verstärkung des unterbesetzten Mädchenteams. Mit dabei Lucia aus Oviedo, España, die für kurze Zeit im Rahmen eines Hilfsprojekts der andalusischen Regierung aushalf. Das ließ Erinnerungen an den gemeinsamen Schüleraustausch (2009) im benachbarten Gijón an der Nordküste Spaniens wach werden 🙂

Die Mädchenmannschaft.

Das Mädchenteam.

Insofern war unsere letzte Woche recht entspannt, mal abgesehen von den ewigen abendlichen Konflikten mit den Kindern. Am Freitag gingen wir dann, sobald die Kiddies friedlich schliefen, unseren letzten vollen Arbeitstag in der Caleta feiern. Quasi als letzte Ausnahme vor dem Wiedereinsteig in den Vegetarismus – zumindest für mich – ließen wir es uns nicht nehmen, den angeblich besten Burger Quitos (laut zuverlässiger Quellen) zu probieren. War aber eine ziemliche Enttäuschung, ich vermisse also nichts.

Am Samstagmorgen hieß es dann Sachen Packen, nach dem Frühstück waren wir draußen und genossen unsere Freiheit! Obwohl der Aufenthalt in der Caleta wie zuvor erwartet die zwei wahrscheinlich anstrengendsten Wochen meines Lebens bedeutete, bereue ich im Endeffekt überhaupt nicht, diese Erfahrung gemacht zu haben. Jede Stunde des Tages mit den Kindern zu verbringen ermöglichte einen besonderen Einblick in ihr Leben, der mir vorher gefehlt hatte. So entstand natürlich auch eine tiefere Bindung zu den Kindern, die mir in den anschließenden Wochen „regulärer“ Arbeit in der Caleta sehr geholfen hat. Ich habe auf jeden Fall vor, die Jungs nach dem abrupten Abbruch meiner Arbeit dort noch einmal zu besuchen.

Abschiedsfoto.

Abschiedsfoto.

Eine große Auswahl an Fotos aus der Caleta findet ihr bei Flickr: Mi Caleta

Und dann sollt ihr natürlich auch wissen, wie es mir in meinem neuen Projekt geht – bisher ist es großartig! Ich hoffe, ich komme vor Abreise noch dazu, Fotos hochzuladen und ein paar Zeilen zu schreiben 😉

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